In der körperzentrierten Psychotherapie geht es darum, sowohl Schwierigkeiten als auch Ressourcen in unterschiedlichen Seinsebenen (körperlich, psychisch, sozial, spirituell, räumlich und  zeitlich) wahrzunehmen und erfahrbar zu machen: Nicht das blosse Wissen hilft dem Patienten, sich zu verändern. Erst was die Patientin durch unmittelbare Erfahrung während des therapeutischen Prozesses nachvollziehen/erleben kann, gibt ihr die Möglichkeit, sich zu entfalten und zu wachsen. Die Folge: ein lebenswertes Leben, das zufrieden macht und erfüllt.

Das Anthropologische IKP-Modell, das Würfelmodell

Das Institut für ganzheitliche Therapien (IKP in Zürich und Bern) bedient sich noch heute des multidimensionalen Anthropologischen IKP-Modells, dargestellt als Würfel. Die geometrische Form zeigt den engen Zusammenhang bzw. die gegenseitige Bedingtheit der sechs Lebensdimensionen. «Das IKP-Menschenmodell visualisiert den Menschen in seiner Multidimensionalität bei gleichzeitiger Erhaltung der Einheit», Yvonne Maurer

Das Anthropologische IKP-Modell mit seinen diagnostischen und therapeutischen Implikationen ist nur über multidimensionales, systemisches (ganzheitliches) Denken verstehbar. Mit linerar-kausalem Erfassen ist das Modell nicht zu begreifen.

Es entspricht in seiner Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit der menschlichen Natur.

Methoden aus der Gestalttherapie

Körperzentrierte Psychotherapie – multidimensional, multimodal, multikommunikativ, prozessorientiert entspricht der ganzheitlichen Schau des Menschen.

Methodisch übernimmt die Körperzentrierte Psychotherapie den Ansatz der Gestalttherapie, die dem Sichtbaren, Hörbaren sowie Spür- und Erlebbaren Vorrang einräumt vor dem Gesprochenen (Deutenden, Interpretierenden, Ursachen Forschenden, Begründenden).

Der Erkenntnis- und Bewusstwerdungsprozess wird multimodal durch Blickkontakt, Mimik, Gestik, Körpersprache, überhaupt Nonverbales, Kinästhetisches (Bewegungsmässiges) und Berührungsmässiges (Taktiles) stärker gefördert als bloss akustisches bzw. auditives Vorgehen.

Der Körper hat seine eigene «Sprache»

Der Körper wird so Dialogpartner. Mit eigener «Sprache», z.B. den Sinneskanälen (VAKOG: visuell, akustisch, kinästhetisch, olfaktorisch, gustatorisch [sehen, hören, bewegen, riechen, schmecken]), bringt er sich ins therapeutische Setting mit ein. Haltungen stehen zeichenhaft für eingeübtes Verhalten, für prägende Lebensmuster. Sie sind Eingang zu vertieftem Nachvollziehen – aber eben NICHT: analysierend, wertend, begründend –, was hindernd und fördernd sich auswirkt. Das gilt für den Einzelnen genauso wie für das System (Familie, Dorfgemeinschaft, Arbeitswelt). Die achtsame Wahrnehmung des eigenen Körpers in seiner Vielschichtigkeit ist der Pfad zu Veränderung und Heilung.

Ein Beispiel

Ein Mann um die 50, verheiratet, Vater von drei Buben (8-, 11- und 14-jährig) kommt in die Praxis und erzählt, dass seine Ehe zur Zweckehe verkommen sei; eine neue Beziehung liesse ihn zwar in körperliche Lust eintauchen, aber er fühle sich eingeengt und empfände zunehmend Schuld gegenüber seiner Familie, schliesslich sei er ja noch verheiratet. «Ich habe mich vor Gott versündigt. Vor 9 Jahren wollte ich mir das Leben nehmen. Einzig die beiden Buben, ein drittes Kind war unterwegs, hielten mich davon ab.»

Er stellt seine Situation mit Klötzchen so dar, dass er sich in eine Höhle zurück gezogen hat und die beiden Frauen sind im Hintergrund. Die Höhle ist einzig gegen die drei Kinder, die davor stehen, hin offen.

Der Auftrag, seinen Körper – gleich einem Spiegelbild – mit beiden Händen als Umriss zu formen, war nicht möglich: «Es gibt diesen Körper gar nicht.»

Im Laufe der Therapie entstand Bezug zum Körper. Anfänglich hörte dieser beim Bauchnabel auf. Es kam mehrmals vor, dass während des Formens die Beine zitterten und der Klient über starke Kopfschmerzen seitlich der Stirne klagte.

Der Klient, sein Gesicht hat sich während der Therapie deutlich verändert (feinere und weniger runzelige Haut, sichtbarer Glanz in den Augen), taucht anlässlich der letzten Sitzung in ein Bild ein.

«Ich stehe barfuss in heller, wärmender Sonne am Rande eines Kornfeldes und blicke in eine Höhle. Dort drin sitzt ein kleiner Junge. Er hat zerrissene Kleider an. Er ist ungepflegt, er stinkt. Sein Gesicht ist voller Schrunden. Er hat eine Wunde seitlich der Stirne... Wir sehen einander in die Augen. Das bin ich, etwa 8-jährig.» ...

Der Klient steht auf. Breitet die Arme aus und geht auf den imaginären Jungen zu. Sie umarmen sich wortlos und gehen dann Hand in Hand aus der Höhle dem Kornfeld in der Nachmittagssonne entgegen.

«Wir haben uns gefunden», sagt der Mann.